Newsletter 12/2021+01/2022

Mit einem besonderen Schwerpunkt ruft die Europäische Kommission jedes Jahr ein „Europäisches Jahr“ aus. 2022 ist der Jugend gewidmet.

Die Jugend wurde von den Nebenwirkungen der Corona-Pandemie besonders stark getroffen. Zukunftspläne mussten verschoben werden oder fielen ganz aus. Diesen Umstand möchte die Europäische Kommission nun würdigen, in dem sie 2022 zum Europäischen Jahr der Jugend erklärte. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wünschte sich in ihrer Rede zur Lage der Union im September ein „Jahr, das den jungen Menschen gewidmet ist und jene in den Fokus rückt, die für andere auf so vieles verzichtet haben“.

zur Information auf der Seite der Europäischen Kommission

Dieses Themenjahr ist auch eine Reaktion auf den EU-Jugendbericht, der alle drei Jahre veröffentlicht und evaluiert die Fortschritte in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie 2019-27. In dem Bericht zeigen sich deutlich die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Jugend in Europa, beispielsweise in den Bereichen Bildung, Jugendarbeitslosigkeit oder psychische Gesundheit.

Von der EU ausgerufene Europäische Jahre gibt es seit 1983. Sie dienen dazu, Diskussionen auf nationaler und europäischer Ebene anzustoßen und bestimmte Themen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Der Vorstand des Kreisverbandes wird sich Gedanken machen müssen, wie wir junge Leute ansprechen können, damit wir einen Beitrag zu diesem Themenjahr leisten können.
 

 

Werfen wir jetzt einen Blick auf die Vergangenheit, genauer gesagt auf ein Jahr nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs

I. 75 Jahre Europa-Union Deutschland

Im Dezember 2021 feierte unsere Europa-Union ihren 75. Geburtstag. Geburtshelfer waren damals europäisch orientierte Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die aus ganz Europa Menschen, die ähnlich gesinnt waren, im September 1946 nach Hertenstein am Vierwaldstätter See eingeladen hatten. Unterschiedliche pro-europäische kleinere Gruppen hatten sich zuvor schon während der Kriegsjahre im Geheimen zusammengetan und konnten nach dem Krieg ihre Aktivitäten öffentlich und verstärkt fortführen. Diese „Europäischen Föderalisten“ lud die Schweizer "Europa-Union" ein zu einer Konferenz in Hertenstein am Vierwaldstätter See. Als einziger Deutscher war ein ehemaliges Mitglied des Deutschen Reichstages dabei, der nach der Übernahme durch Hitler in die Schweiz emigrieren konnte.  Deutsche konnten damals nicht teilnehmen, da sie zu dem Zeitpunkt das Land nicht verlassen durften. In dem kleinen Ort am Vierwaldstätter See wurden zwölf Thesen verfasst, die als Hertensteiner Programm zur Grundlage der europäischen Arbeit der Nachkriegsjahre und zugleich zum politischen Gründungsdokument der  Europa-Union Deutschland wurden. Sie konnte einige Monate nach dem Treffen in der Schweiz am 9. Dezember als die deutsche Sektion der Union der Europäischen Föderalisten (UEF) in der niedersächsischen Stadt Syke bei Bremen gegründet werden. Bis heute hat bei all unseren Aktivitäten das Kernziel des Hertensteiner Programms seine Gültigkeit nicht verloren; eine auf föderativer Grundlage errichtete europäische Gemeinschaft auf unserem Kontinent zur Wahrung des Friedens und dem Wohl aller seiner Menschen.
Im Koalitionsvertrag verspricht nun die neue Bundesregierung, dass sie sich für einen verfassungsgebenden Europäischen Konvent einsetzen wird, der unmittelbar auf die seit Mai laufende Konferenz zur Zukunft Europas folgen und zu einem föderalen europäischen Bundesstaat führen soll. Welch ein Zufall, dass nach 75 Jahren nun sogar eine Bundesregierung dieses Ziel verfolgen will. Was hätten wir uns Schöneres zu unserem 75. Gründungsjubiläum wünschen können!

II. Europa vor Ort in Oberursel vor 75 Jahren – Wilhelm Cornides

Der Gedanke, Europa zu einigen, spielte in Oberursel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle, die nicht in Vergessenheit geraten ist, weil es Manfred Kopp gibt. Er ist von Beruf Theologe und schon lange als Geschichtsforscher und Heimatpfleger (so bezeichnet er sich selbst) weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.  Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir heute in seinen Veröffentlichungen nachlesen können, wie Oberursel kurz nach dem Krieg durch einen sehr jungen Mann für eine Weile zu einem geistigen Zentrum für die Europäische Idee wurde.  Genaueres ist in seinem Artikel im  Jahrbuch 2013 des Hochtaunuskreises, S. 251 -258 nachzulesen.

Hier folgt eine Zusammenfassung seines Artikels „Europa in der Oberurseler Gartenstraße“:

Die Zerstörungen des Krieges, auch die in den Köpfen der Deutschen, veranlassten Wilhelm Cornides, Sohn einer Verlegerfamilie aus Oldenburg, damals 25 Jahre alt, mit der Herausgabe einer Zeitschrift, die den Menschen nach Kriegsende auf einen neuen Weg bringen sollte.  Er nannte sie und auch seinen neuen Verlag „Europa-Archiv“. Es war die erste außenpolitische Zeitschrift in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.  die u.a. das Thema Europa als einen Schwerpunkt hatte. Cornides hatte in London studiert, wurde dann eingezogen und bald darauf einer Dolmetscher-Kompanie zugeteilt. In verschiedenen Gefangenenlagern, wo er seinen Dienst tat, hatte er auch Zugriff auf internationale Zeitungen, die ihn neugierig machten auf das, was während des Krieges außerhalb Deutschlands geschah. Er ließ sich in Oberursel nieder, nachdem er für seine zu gründende Redaktion einen Raum im Obergeschoss einer Schreinerwerkstatt in der Gartenstraße 12 - heute Korfstraße - gefunden hatte. Passenderweise befand sich in Nr. 13 eine alt eingesessene Druckerei fast gegenüber. Es dauerte nicht lange, bis das amerikanische Militär, das sich inzwischen mit besonderen Aufgaben im Camp King niedergelassenen hatte, Cornides mit Wohlwollen gewähren ließ, ja recht bald ihn in dieser so schwierigen Zeit mit einer Mangelwirtschaft unterstützte, weil eine solche Zeitschrift auch der „Reeducation“ (Demokratieerziehung im weitesten Sinne, H. Klär) zu Gute kommen würde. Am 1. Juli 1946 erschien das erste Heft mit 168 Seiten. Darin befanden sich - wie Cornides in der Ersten Ausgabe einleitend schreibt- „…..die in der In- und Auslandspresse, in Zeitschriften und Buchveröffentlichungen verstreute(n) Daten und Berichte zu Politik, Wirtschaft und Kultur“.… . Die sollten eine schnelle Übersicht geben und das Nachschlagen ermöglichen. 1950 wurde der Verlag nach Frankfurt verlegt, weil sich dort ein für die Arbeit der Redaktion besser geeignetes Gebäude anbot. Ab Beginn der 50er Jahre wurde das Europa-Archiv in Verbindung mit dem Institut für Europäische Politik und Wirtschaft herausgegeben. Heute befindet sich  das Archiv in den Händen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin.

Auch wenn der Verlag nicht mehr in Oberursel zu Hause ist, ist es gut, dass Manfred Kopp mit seinem Artikel uns daran erinnert, wie früh gerade die Generation junger Menschen, die die Grausamkeiten des Krieges und der Nazi-Zeit erleben mussten, sich dafür eingesetzt haben, dass nur eine europäische Integration die Grundlage für die Zukunft Deutschlands und der anderen Länder in Europa sein konnte.

III.    Die Europa-Union Deutschland und der „Oberurseler“ Eugen Kogon

Die Europa-Union Deutschland entstand zwar nicht in Oberursel, sondern in der Schweiz als Teil der Union der Europäischen Föderalisten (UEF). Aber ihr erster in einem ordentlichen Verfahren gewählter Präsident war Eugen Kogon. Das geschah im Mai 1949 in Hamburg. Das Schicksal hatte es mit sich gebracht, dass sich der spätere Publizist, Wissenschaftler und Politiker sich zur Zeit der Gründung des Europa-Archivs durch Wilhelm Cornides bereits seit Monaten im Camp King in Oberursel eingefunden hatte. Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald war es die amerikanische Militärregierung die sich durch ihn Aufklarung über die Nazi-Zeit erhofften. Sein Bericht über seine Jahre im Widerstand und im Konzentrationscamp mündete sehr bald in sein berühmtestes Buch „Der SS-Staat“, das 1946 herauskam. Zwischen Kogon und Cornides bestanden rege Kontakte. Sie waren fast Nachbarn und beide setzten sich intensiv und engagiert für eine Einigung Europas ein. Als Präsident der Europa-Union Deutschland lobte Kogon mit Blick auf die Europäische Einigung das Europa-Archiv von Wilhelm Cornides mit starken Worten als „ …..die bedeutendste Dokumentationsstelle unseres Kontinents…..“ (S.254, Jahrbuch 2013 des Hochtaunuskreises). Später zog Kogon mit seiner Familie nach Königstein-Falkenstein, wo er bis zu seinem Tod 1987 lebte.